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Aufklären, offensiv handeln!

Aufklären, offensiv handeln!

Im ZIBB-Aktuell (07/08) sowie im Innungs-Rundschreiben (08/08) berichteten wir über gravierende Mängel bei Zahnersatzbehandlungen im Ausland und schilderten exemplarisch einen aktuellen Patientenfall. Das Zahnärzteblatt Brandenburg hatte zuvor über eine Patientin berichtet, die insgesamt zehn Mal nach Polen zur Behandlung fuhr und dennoch einer Lösung ihres Problems kein Stück näher kam. Sie war den gemeinsamen Empfehlungen der AOK Brandenburg und des Unternehmens MEDPOLSKA gefolgt, und musste für dieses „Abenteuer“ einen hohen Preis zahlen.

Auch um die Patienten vor solchen leidvollen Erfahrungen zu schützen, starteten Zahnärzte in der Region Frankfurt/Oder vor geraumer Zeit eine offensive Aufklärungskampagne, die unsere volle Unterstützung als Gesundheitshandwerker verdient - von der unmittelbaren Mitwirkung bis hin zum QS-Dental gesicherten optimalen Patientenschutz.

Wie sieht die zahnärztliche Aufklärungskampagne aus? Welches Ziel verfolgt sie? Wie sind die Reaktionen? Lesen Sie hierzu das nachfolgende Interview (mit freundlicher Genehmigung der LZÄK aus: Zahnärzteblatt Brandenburg 4/2008, S. 10ff):

Mit großflächigen Werbeanzeigen versucht das Unternehmen MEDPOLSKA, Patienten zu einer Zahnbehandlung nach Polen zu locken. Zahnärzte der Region Frankfurt (Oder) um Dr. Petra Gutsche starteten eine Gegenoffensive.

Frau Dr. Gutsche, was genau war der Anlass für die Mitglieder der Bezirksstelle Frankfurt (Oder), eine Anzeigenkampagne gegen die Zahnbehandlung in Polen zu entwickeln?

Das Unternehmen MEDPOLSKA, mit dem die AOK einen Vertrag hat, begann mit regelmäßigen Werbeannoncen in brandenburgischen Zeitungen, um Patienten für die Zahnbehandlung nach Polen zu locken. Dabei preisen sie sich ihren potenziellen Patienten regelrecht an, sprechen von den Vorteilen einer Behandlung bei ihnen, die da wären: Sie arbeiten mit deutschen Produkten und geben eine längere Garantie, als es in Deutschland der Fall ist. Mit anderen Worten: Die Patienten bräuchten überhaupt keine beziehungsweise nur eine geringe Zuzahlung bei Zahnersatz entrichten.

Das war für uns, die mit dem Thema regelmäßig in unseren Praxen konfrontiert werden, der Ausgangspunkt, selbst kleine Annoncen zu schalten, um die Patienten aufzuklären und sie zum Nachdenken anzuregen.

Wie genau sieht die Gegenoffensive aus?

Seit April dieses Jahres veröffentlichen wir Anzeigen im „Märkischen Sonntag“. Über diese - direkt neben der Werbung von MEDPOLSKA platziert - versuchen wir, auf die Risiken einer zahnärztlichen Behandlung in Polen aufmerksam zu machen. Es geht uns darum, zu zeigen, was die Patienten beachten sollten, wenn sie sich im Ausland behandeln lassen wollen. Die Kampagne unsererseits haben wir mit unseren beiden Körperschaften abgesprochen und uns darauf geeinigt, in der Annonce die Leser mit der Botschaft „Achtung Risiko“ aufmerksam zu machen.

Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Wir wollen die Patienten für diese Problematik sensibilisieren. Sie sollen, wenn sie eine Behandlung in Polen beabsichtigen, nicht blauäugig an die Sache herangehen. Im Nachhinein können erhebliche Kosten entstehen, die sie meinen, bei der Behandlung gespart zu haben.

Was sind die wichtigsten Aspekte, die bei der Entscheidung für eine Behandlung außerhalb Deutschlands beachtet werden müssen?

Zum einen spielt der Gerichtsstand eine wesentliche Rolle. Es muss bekannt sein, wo sich die Patienten hinwenden können, sollten Probleme durch die Behandlung auftreten. Aber auch die Gewährleistungspflicht ist wichtig. Das bedeutet, dass die Patienten bei eventuellen Nachbesserungen ihres eingegliederten ausländischen Zahnersatzes in Deutschland als Privatpatienten behandelt werden, da die Krankenkassen nichts mehr dazu bezahlen. Sie müssten die Nacharbeiten in Polen machen lassen, solange ihre Garantie läuft.

Der Zahnersatz im Ausland kann durch falsche Indikationsstellung - wie zum Beispiel zu weitspannige Brücken, lieber festsitzend, wo herausnehmbar indiziert ist oder zu viele beschliffene Zähne - für den Patienten zu risikoreichen Konstruktionen führen, die im Nachhinein zu problematischen Versorgungen werden. Generell besteht bei den Patienten eine große Unwissenheit über das Thema - und genau da wollen und müssen wir ansetzen.

Wo sehen Sie speziell die Probleme, die bei einer Zahnbehandlung im Ausland auftreten können?

Der deutsche Zahnarzt ist zu einer allumfassenden Vorbehandlung verpflichtet, bevor es zum Zahnersatz kommt. Das heißt, es müssen alle Glieder einer Behandlungskette erfolgreich abgeschlossen sein. Zahnersatz zum Dumpingpreis geht in Polen nur, weil die niedrigen Zahntechnikkosten es momentan möglich machen und die meisten Vorbehandlungen in Deutschland getätigt werden. Die Patienten können die Qualität eines Zahnersatzes selbst nicht einschätzen. Ich denke, da ist noch Aufklärungsarbeit nötig.
Die Nachbetreuung nach neu eingegliedertem Zahnersatz darf natürlich auch nicht vernachlässigt werden. Es können erhebliche Fahr- und Zeitkosten auf den Patienten zukommen. Die Arbeit in Polen zielt unserer Meinung nach nicht auf eine ganzheitliche Behandlung ab. So sollte es aber sein.

Wie sind die ersten Reaktionen auf die Kampagne der Bezirksstelle? Wurden Sie von Patienten darauf bereits angesprochen?

Ja, mich haben Patienten danach gefragt. Sie finden unsere Herangehensweise gut und sind dankbar für die Aufklärung, da sie beispielsweise nicht wussten, dass sie nach einer polnischen prothetischen Zahnbehandlung aufgrund des Garantieanspruches wieder zu ihrem Erstbehandler zurück müssen oder in Deutschland als Privatpatient bei dieser neuen Arbeit behandelt werden.
Das heißt, der Zahnersatz, der im Ausland gemacht wurde, ist für uns deutsche Zahnärzte bis zum Ablauf der Garantiezeit nicht angreifbar, da wir durch unsere Nachbesserung eventuell selbst in die Haftung für diesen Zahnersatz geraten könnten. Das ist den meisten Patienten unbekannt und sie sind dann überrascht, wenn sie es durch uns erfahren. Manche Patienten gehen mit ihrem Heil- und Kostenplan zu ihrer Krankenkasse und dort wird ihnen aus Kostengründen eine Behandlung in Polen empfohlen. Das habe ich von einigen meiner Patienten erfahren.

Inwiefern haben Sie selbst schon Erfahrungen mit Patienten gemacht, die sich in Polen einer Behandlung unterzogen haben?

Zwei Patienten von mir sind diesen Weg gegangen und schließlich wieder in meine Praxis gekommen, um sich weiter behandeln zu lassen. In diesen Fällen konnte ich lediglich eine Notbehandlung durchführen, zu der ich verpflichtet bin. Außerdem habe ich sie über die rechtlichen Umstände aufgeklärt. Natürlich waren sie verärgert darüber, dass sie für ihre Nachbesserung jetzt regelmäßig ins Nachbarland fahren müssen. Der Fehler war hier die fehlende Aufklärung durch die Krankenkassenmitarbeiter und MEDPOLSKA, die auch die Patienten für eine Auslandsarbeit sensibilisiert hatten.

Welche Probleme entstehen für die brandenburgischen Zahnärzte durch die zunehmenden Zahnbehandlungen im Ausland?

Es kommt immer häufiger vor, dass Patienten zu uns in die Praxen kommen und wir nicht wissen, von wem sie vorbehandelt wurden oder wie alt ihr Zahnersatz ist. Wenn wir sie dann behandeln und der Patient geht schließlich doch wieder zum Zahnarzt nach Polen, dann muss dieser dort für seine ursprüngliche Arbeit eventuell keine Garantie mehr übernehmen, weil ein anderer Kollege die Nacharbeit vorgenommen hat.

Da sich die Patienten bei uns über den vorangegangenen Behandlungsweg nicht immer ausweisen, haben wir Schwierigkeiten, zu klären, welcher Zahnarzt was gemacht hat. Wir haben einen erhöhten Verwaltungsaufwand, um dieses abzuklären.

 

 

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