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Im Mikrokosmos von Bad Belzig:

Im Mikrokosmos von Bad Belzig: Ein Quadratkilometer- zwei Leben

[BAD BELZIG] - Kurios und genial zugleich: Ein ganzes Berufsleben- vom Azubi bis zum Renteneintritt-im selben Labor!

Bad Belzig – Dentallabor Scheve - Wir treffen auf zwei Urgesteine der Zahntechnik im Herzen des schönen Ortes Bad Belzig in Brandenburg:

Erika Scheve, die gerade Ihren 75. Geburtstag feierte, dabei jung und munter wie eh und je, und Frau Carola G., lebenslang verbundene Angestellte eben dieser. Die beiden plaudern so ein bisschen aus dem Nähkästchen Ihres Berufslebens und strahlen dabei eine symbiotische Harmonie aus.

„der artikulator“: Wie kamen Sie zum Beruf der Zahntechnikerin?

Carola G.: Ich war die jüngste von 3 Töchtern. Meine Eltern kannten Frau Scheves Eltern. Mein Vater riet mir zur Ausbildung zur Zahntechnikerin. So ging‘s los. Frau Scheve war damals schon Kollektivleiterin der Poliklinik in Bad Belzig, wo Zahnärzte und Zahntechniker unter einem Dach Ihrem Beruf nachgingen. Und so lernten wir uns dort vor 47 Jahren kennen. Und heute bin ich seit genau 14 Tagen Rentnerin.

Erika Scheve: Damals mussten unsere Azubis um 4:30 Uhr aus dem Haus, um morgens pünktlich in Weißensee in der Berufsschule zu sein. Zum Glück gab es die Möglichkeit, in einem Schwesternwohnheim zu übernachten, sodass man sich den langen Nachhauseweg ersparen konnte. Denn zwei Tage in der Woche war Berufsschulzeit. Damals war ich schon mit der Ausbildung fertig. Mit 23 Jahren war ich bereits Meisterin und so schon sehr jung im Beruf tätig. Die Umstände waren häufig ziemlich abenteuerlich, Fahrtwege sehr lang oder schlicht nicht möglich. Einmal bin ich während meiner Ausbildungszeit in meinem Ausbildungsbetrieb in Brandenburg gestrandet. Samstag Nachmittag – der öffentliche Nahverkehr tot. Ich trampte notgedrungen - der erst Lift im Beiwagen eines Motorrades - gerade so überstanden und durchgerüttelt wurde ich auf halber Strecke ausgeworfen- meine Anschlussfahrt ging im russischen Militärlaster weiter, der mich direkt vor der Haustür meiner Eltern absetzte. Ein Riesenaufwind im ganzen Ort- seither waren die Samstage nach Anruf meines Vaters im Betrieb als Arbeitstag für mich gestrichen.

„der artikulator“: Wie waren die fachlichen Inhalte und Bedingungen während der Ausbildung in der ehemaligen DDR?

Carola G.: Soweit ich mich erinnere bekam man im 1. Lehrjahr 72 Mark, in den darauffolgenden 85 Mark. Natürlich musste ich zu Hause wohnen bei dem Lohn. Wir wurden in der Herstellung von Kronen und Brücken ausgebildet. Erst nach der Wende wurden wir in Keramik weitergebildet, da es das in der DDR nicht gab.

„der artikulator“: Wie sehen Sie rückblickend auf Ihr Arbeitsleben?

Carola G.: Es hat mir eigentlich immer Spaß gemacht. Besonders der Zusammenhalt unter den Kollegen war gut und wir hatten neben der Arbeit viel Spaß miteinander. Wir waren ja eine Brigade. Wir mussten unsere parteipolitischen Verpflichtungen und unsere gemeinsamen Aktivtäten in einem jährlich zu erstellenden Brigadebuch dokumentieren. Es existiert noch das Brigadebuch von 1974 (Herr Scheve hat es während unseres Besuchs für uns vom Speicher geholt). Wie man sieht, gab es viele Feiern und Ausflüge während dieser Jahre, die wir hier dokumentiert sehen. Auch fachliches zum Thema Zahntechnik gehörte da rein. Die parteipolitische Garnierung im Buch haben wir nach Mindestanforderung abgeleistet, so hatten wir unsere Ruhe.

„der artikulator“: Was hat die Wende für Sie verändert?

Carola G.: Wir waren ursprünglich dem mittleren medizinischen Dienst zugeordnet. Nach der Wende gehörten wir plötzlich zum Handwerk. Die Poliklinik wurde aufgelöst und uns allen drohte die Arbeitslosigkeit. Wir waren 15 Zahntechniker/innen, die plötzlich einer ungewissen Zukunft gegenüberstanden. Dann kam meine Chefin ins Spiel…

Erika Scheve: Als Kollektivleiterin sah ich mich in der Pflicht, meine Mitarbeiter weiter zu beschäftigen und versuchte ganz unbefangen den Sprung in die Selbstständigkeit. Natürlich hatte keiner von uns Kapital, um ein Labor auszustatten. Der Bank bot ich als Sicherheit meinen einzigen Wertgegenstand, einen Lada; ich erntete mitleidiges Lächeln… Mithilfe eines Unternehmensberaters aus Göttingen gelang es mir schließlich, einen Kredit bei der Bank zu erhalten. Wir zogen um in ein anderes Gebäude, und schließlich waren 8 von 15 Mitarbeitern wieder unter einem Dach vereint und „gerettet“- im Dentallabor Scheve. Während der Jahre des Aufbaus gab es viel zu tun, auch mein Mann und unser Sohn haben am Wochenende zeitweise mithelfen müssen. Einfache Arbeiten konnten sie übernehmen und uns so mit unterstützen. Mein Sohn ist übrigens Zahnarzt geworden und jetzt einer unserer Kunden.

„der artikulator“: Was haben Sie sich für Ihrer Rentenzeit vorgenommen?

Carola G.: Nun, ich ziehe um - raus aus meinem Elternhaus - ein paar Meter weiter bauen wir gerade. Dort geht’s dann als nächstes hin. Ich möchte mehr Fahrradfahren und meine sozialen Kontakte pflegen.

„der artikulator“: Und Sie Frau Scheve?

Erika Scheve: Ich und Rente? Nein! Ich mache weiter, solange ich kann und es mir Spaß macht. Vor 10 Jahren wollte ich ja eigentlich verkaufen…hatte auch schon eine Nachfolgerin. Kurz vor Vertragsunterzeichnung jedoch vertraute die Dame uns ihre Pläne bezogen auf Arbeitslohn und damit zusammenhängenden Profitabwurf an. Unsere Mitarbeiter würden zu viel verdienen…- Ich machte einen Rückzieher - verkaufte nicht - und freue mich jeden Tag über diese Entscheidung.

„der artikulator“: Dann Ihnen weiterhin viel Erfolg und Ihnen eine gute Rentenzeit Frau Carola G.

 

 

 

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